Phantasie ist wichtiger als Wissen.

Albert Einstein (14.03.1879 – 18.04.1955), deutscher Physiker

In unserem Beitrag über die vielfältigen Faktoren, die unsere Investitionen beeinflussen können, haben wir gesehen, dass es zahlreiche Informationen und Kenntnisse und manchmal viel Fantasie erfordert, um in Finanzfragen weise Entscheidungen zu treffen.

Stellen wir nun mal unsere Vorstellungskraft auf die Probe und versuchen wir herauszufinden, wie sich ein Naturereignis auf verschiedene Investitionen auswirken kann.

Stellen wir uns folgende Situation vor (von der wir hoffen, dass sie niemals eintreten wird):

Ein Hurrikan zerstört eine wesentliche Anzahl von Ölförderplattformen im Golf von Mexiko, wo mehr als ein Viertel der gesamten US-amerikanischen Erdöl- und Erdgasproduktion stattfindet. Wie wird sich diese Katastrophe auf welche Investitionen auswirken?

Zuallererst sind die Unternehmen betroffen, denen diese zerstörten Plattformen gehören. Sie werden bis auf weiteres kein Erdöl mehr produzieren und verkaufen können, ihre Gewinne werden schrumpfen, und damit auch der Wert der betreffenden Unternehmen, so dass die Kurse ihrer Aktien an der Börse fallen werden.

Bei den Versicherungs- und Rückversicherungsgesellschaften, die die Erdölunternehmen für die erlittenen Schäden entschädigen müssen, dürften die Gewinne, der Wert der Unternehmen und die Aktienkurse ebenfalls sinken.

Die Aktienkurse der Hersteller von Ölplattformen hingegen dürften sehr wahrscheinlich steigen, weil sich die Anleger für sie lukrative Aufträge für den Wiederaufbau der zerstörten Förderanlagen erwarten, was deren Gewinne steigen lassen dürfte.

Kann der Wegfall von Produktionskapazitäten nicht durch andere Anlagen kompensiert werden, wird das Angebot an Erdöl am Markt kräftig zurückgehen. Bei gleichbleibender Nachfrage wird das geringere Angebot dazu führen, dass die Preise für Benzin und Heizöl anziehen werden.

Die nicht von dem Hurrikan betroffenen Erdölproduzenten werden von diesem Preisanstieg profitieren. Sie können ihre Produkte zu höheren Preisen verkaufen und ihre Gewinne steigern. Ihre Aktienkurse dürften deshalb steigen.

Bei Unternehmen, die – wie beispielsweise Fluggesellschaften – groβe Mengen Treibstoff zu den nun höheren Preisen einkaufen müssen, werden die Betriebskosten stark steigen und die Gewinne entsprechend zurückgehen.

Stark steigende Erdölpreise wirken sich auch negativ auf die Kaufkraft der Verbraucher aus. Wenn diese einen höheren Anteil ihres verfügbaren Einkommens für Benzin und Heizöl aufwenden müssen, bleibt ihnen weniger Geld für Konsumartikel übrig, so dass der Umsatz, der Gewinn, der Unternehmenswert und der Aktienkurs von Konsumgüterherstellern wohl ebenfalls sinken werden.

Wenn die Preise für Erdölprodukte dauerhaft auf einem sehr hohen Niveau verharren, kann dies zu einer echten Energiekrise führen. Produzierende Unternehmen können in so groβe finanzielle Schwierigkeiten geraten, dass sie Mitarbeiter entlassen müssen. Steigende Arbeitslosenraten aber riskieren, sich negativ auf das Vertrauen der Konsumenten auszuwirken und das Wirtschaftswachstum zu bremsen. Dies wird die Anleger zur Schlussfolgerung verleiten, dass die Unternehmensgewinne – und damit die Aktienkurse – quer durch alle Bereiche einbrechen werden. Sie werden ihre Aktien abstoβen und nach alternativen Anlageobjekten suchen, was den Druck auf die Aktienkurse noch weiter erhöhen wird.

Dies sind ganz sicher nicht alle Auswirkungen, die ein einziges Ereignis – in unserem Fall ein Hurrikan – nach sich ziehen kann. Aber dieses Beispiel zeigt, wie komplex die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Wirtschaftsbereichen sind und wie schwer es ist, aus bestimmten Ereignissen die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen.